Mit Langmut ins Ziel

Wer mit Micha Wolf zu tun haben will, sollte sich Zeit nehmen und achtsam sein. Wer den kleinen, verrosteten Pfeil übersieht, der aussieht, als wäre er ein Relikt aus alten Tagen, das schon oft durch die Lüfte geflogen ist, wird Micha nicht finden. Fünf Wege treffen sich auf der Wegscheide. Nur einer führt zum Liedl-Hof in den Wimitzer Bergen.

Kurz nach Belgrad, als Micha auf dem Weg nach Griechenland war, lief ihm Maria aus Unterkärnten über den Weg. Und er wusste: Das ist meine Frau. Sie ist es heute noch. Vor 31 Jahren suchten die beiden ein Plätzchen für sich und fanden einen verlassenen Hof aus dessen Küchenboden die Brennesseln wuchsen. Kaum jemand würde sich über ein solches Stück Land wagen. Der Micha tat’s. Er ist mit Langmut gesegnet. Wenn Maria zu Mittag die Eierschwammerln putzt, wirkt die Idylle, als hätte sie immer schon bestanden. Und doch sagt der Micha: „Wir haben halt alles hergerichtet und richten immer noch!“ In drei Jahrzehnten wuchs, was schöner, beruhigender, gewachsener nicht vorstellbar ist. Im alten Stadel hat Micha vor Jahren seine Werkstätte bezogen. Sein Großvater war Schwede und er hat seinem Enkel einen klassischen Langbogen geschenkt. Der Bruch dieses Bogens stellt sich heute als das große Glück des Micha Wolfs dar. „Den bau’ ich mir jetzt einfach nach!“, sagte er sich, wie er kaum einmal verzagt, wenn sich neue Aufgaben stellen.

„Ich hab ka Angst.“ Michas Sätze klingen wie aus Holz geschnitzt. Seit zwölf Jahren ist der gleichermaßen liebevolle wie geliebte Vater dreier Kinder Österreichs einziger professioneller Bogenbauer.

„Mit den Bogen begann’s als meine beiden Töchter noch, wie Pipi Langstrumpf, mit dem Pferd zur Schule ritten, weil’s zum Liedl noch gar keine Straße und keinen Strom gab“, erinnert er sich. Er hat viel gelesen, viel studiert und noch mehr selbst gebaut. Heute weiß er alles über Bogen. Seit zwölf Jahren lebt er davon. Alles was davor war, nennt er seine Lehrzeit.

Seit 20.000 Jahren werden Bogen gebaut. Kaum etwas ist bereichernder, als mit Micha in die alten Welten der subtilen Holzverarbeitung einzutauchen. Viele seiner Kunden tun das mit ihm und lernen an einem langen Wochenende, bei einem seiner Lehrgänge, einen einfachen klassischen Bogen zu bauen. Die olympischen Bogen, für die Karbon, Epoxydharze und Laminate verwendet werden, sagen Micha nicht viel. Er arbeitet heute mit bedeutenden Museen als Experte zusammen, weiß von der genauen Beschaffenheit des englischen Langbogens, wie ihn Robin Hood verwendete gleich viel, wie von den osmanischen Reiterbogen aus Horn, Holz und Sehnen. Micha baut ausschließlich klassische Bogen und verarbeitet die traditionellen Bogenhölzer wie Ulme, Robinie, Eibe und auch das Holz das die Ureinwohner Amerikas verwendeten, Osage Orange, das nur in den Vereinigten Staaten und in Ungarn wächst.

Dass seine Bogen immer wieder auch in die Hände steinreicher Manager gelangen, die stets am Burnout entlang schrammen, stört den Micha nicht. Im Gegenteil: „Überarbeitet sind’s halt!“, sagt er und freut sich, dass sich einer seiner Kunden fast Jahr für Jahr nach Kanada zurückzieht, mit einem seiner Bogen einen Grizzly schießt, davon drei Wochen lebt und dann mit neuen Energien in die Großstadt zurückkehrt.

Zu seinem fünfzigsten Geburtstag hat sich Micha, der stets den Wurzeln des Bogenbaus, den alten Techniken und den großen Meistern dieses Fachs nachspürt, selbst beschenkt. Der Vielgereiste, dessen Mutter schwedische Jugendmeisterin im Bogenschießen und dessen Vater Kunstmaler war, verließ für einen Sommer die Wimitzer Berge, um mit seiner Tochter Lisa durch zwei Provinzen der Mongolei zu reiten. Immer auf der Suche nach einem steinalten Bogenbauer, der noch die alten Techniken beherrscht, die nötig sind, um den berühmt-berüchtigten Reiterborgen der Mongolen zu rekonstruieren. Sie fanden ihn.

Mit Michas Langmut scheint man stets ins Ziel zu treffen.

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